Christa Goede, wie verändert KI unser Schreiben?
9. Juni 2026
Heute darf mit Christa Goede sprechen. Sie ist schon so lange als Texterin und in der Marketing-Konzeption tätig, dass sie sich sogar noch daran erinnern kann, wie man Bilder und Texte auf Pappe geklebt hat, um ein Layout zu bekommen. Aber Christa bleibt nicht stehen, sondern taucht ganz tief ein in die Frage, die auch mich wahnsinnig beschäftigt: Wie verändert KI unser Schreiben und unser Denken? Heute bezeichnet sich Christa als KI-Realista und hat einen Verein für Menschliche Intelligenz mitgegründet. Ihren vielseitigen Blick auf die KI finde ich daher besonders spannend.
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Christa, Du gibst Kurse über Texten und Content-Erstellung mit KI. Und gleichzeitig bist du Texterin durch und durch. Wie passt das für dich zusammen?
Christa: Da sind zwei Herzen in meiner Brust. Natürlich bin ich mit allem, was ich habe, mit all meinen Ideen, super gerne Texterin. Aber ich bin auch ein bisschen nerdig. Ich war von Anfang an dabei, als die Large Language Models öffentlich zugänglich waren. Zuerst noch mit einem „Hihihi, was ist das für ein Quatsch?“ Aber dann immer mehr mit Faszination, weil ich gemerkt habe: Je besser ich prompte und je mehr ich mich damit auseinandersetze, umso brauchbarer sind die Ergebnisse. Noch nicht toll, aber brauchbar.
Und dann wurde es gruselig. Weil der großen Masse weisgemacht wurde, dass es zum Prompten keine Profis mehr braucht. Das ist völliger Quatsch. Die Prompterei an sich ist eine Kunst, die man sehr mühselig lernen muss. Weil die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine anders funktioniert als das, was wir in der zwischenmenschlichen Interaktion gewohnt sind. Ich hab die Flucht nach vorne begonnen: Mich intensiv damit beschäftigt und schließlich Workshops dazugegeben. Denn was hier passiert, wird unseren Job komplett verändern oder sogar überflüssig machen. Ich weiß nicht, wie das bei dir ist, aber: Bei mir und vielen Kolleg:innen herrscht Auftragsflaute. Auch alte Kund:innen kommen nicht mehr, weil sie jetzt eigene KI-Lösungen haben, die teilweise mit meinen Texten angelernt wurden. So sind die KI-Workshops ein wichtiges Standbein für mich geworden.
Welches Wissen teilst du in den Workshops?
Christa: Ich zeige, dass KI-Tools für Profis wie uns gedacht sind! Wir sind diejenigen, die wirklich brauchbaren Output herausholen können, der trotzdem aber immer noch eine Überarbeitung braucht. Wir wissen dann auch, wie man die Ergebnisse überarbeitet. Wenn ich mit speziellen GPT-Projekten oder mit Claude-Skills arbeite, kriege ich zu 80 bis 85 Prozent brauchbare Sachen. Aber den Feinschliff muss ich immer noch händisch machen. Und die durchdachte Konzeption ist weiterhin notwendig! All das kann ich nur, weil ich das so viele Jahre professionell gemacht habe. Wie Profis die KI in ihre neuen Prozesse integrieren und damit arbeiten ist Inhalt meiner Workshops. Denn wir müssen damit arbeiten, ob uns das gefällt oder nicht.
Warum braucht es Text-Profis, um mit der KI zu arbeiten?
Christa: Man muss den Output bewerten können. Vielen Menschen fällt KI-Slang zum Beispiel gar nicht auf. Oder dass man in drei Absätzen zweimal dieselbe These verwendet hat, nur in anderen Worten. Oder all die schiefen Analogien: In einem Text hat mir die KI zum Beispiel mal geschrieben, ein Bild sei „schief wie eine Powerpoint-Präsentation“. Manchmal sind es auch Kleinigkeiten. Dann muss ich mir als Sprachprofi diese Texte oft laut vorlesen lassen, um zu merken, wo etwas nicht stimmt.
Du liest momentan die redaktionell überarbeitete Version des Interviews. Möchtest du das gesamte Interview anhören oder ansehen? Dann findest du hier das Video.
Ohja, die Probleme sind oft so subtil. Aber reicht es nicht, wenn du es dir selbst laut vorliest?
Christa: Nein, weil ich beim Lesen automatisch Fehler korrigiere. Es gibt ja die wunderbare Vorlesefunktion in Word. Da kann man eine Männer- und eine Frauenstimme einstellen. Bei mir ist das ein Mann, der leicht französischen Akzent hat. Ich finde das ganz kuschelig. Vielleicht liegt es auch daran, dass diese Stimme manche Wörter nicht so richtig ausspricht, dass ich dann mit voller Aufmerksamkeit dabeibleibe.
„Ich prophezeie: Der Massenmarkt für Texter:innen wird zusammenbrechen. Es bleibt nur ein ganz kleiner Markt hangeklöppelter Texte – vor allem für Luxusmarken.“
Lass uns speziell auf die Branche der Texter:innen schauen: Was denkst du, wie es für sie weitergeht?
Christa: Ich prophezeie: Es wird noch einen ganz kleinen Markt geben für echte, handgeklöppelte Texte. Aber das ist eher ein Thema für Luxusbranchen. Marken, die sagen wollen: „Bei uns ist alles handgemacht, sogar das Foto von der Fotografin und der Text von der Texterin.“ Aber der Massenmarkt wird komplett wegbrechen. Bestehen können die, die im Team mit KI arbeiten und dann auch die Qualität verantworten. Und das ist es, was das MI-Siegel aussagt.
Über das MI-Siegel haben wir uns kennengelernt, du bist Gründerin dieser Idee und ich war zunächst skeptisch, ob ich Siegeltragende werden wollte – weil MI für „menschliche Intelligenz“ steht und das auch zukunftsfeindlich klingen kann. Magst kurz erklären, wofür das MI-Siegel wirklich steht?
Christa: Das MI-Siegel ist ein Qualitätssiegel. Das bedeutet: Die Leute, die das Siegel tragen, verpflichten sich einem branchenspezifischen Kodex und stehen dafür gerade, dass der Output unseren menschlichen Qualitätsansprüchen genügt. Egal, ob KI mit im Spiel war oder nicht. In der KI-Fachsprache heißt das „Human in the Loop“. Wir haben nicht nur Texter:innen, sondern Siegeltragende aus aktuell 13 kreativen Branchen.
Wie sieht heute dein Schreibprozess mit KI aus – von der Idee zum fertigen Text?
Christa: Die ursprüngliche Idee kommt immer von mir. Diese Idee recherchiere ich dann, entweder mit Google oder auch mit KI. Gerade bei komplexeren Themen sind diese Deep-Research-Funktionen eine coole Sache. Doch wir müssen jeden Link checken und prüfen: Stimmen diese Informationen?
Entweder habe ich dann schon eine konkrete Idee, was ich haben will. Wenn ich die noch nicht habe, gehe ich ins Zwiegespräch mit der KI. Das funktioniert aber nur, wenn ich konzeptionelle Fragen bereits beantwortet habe. Zum Beispiel: Was ist das Ziel? Wer ist die Zielgruppe usw.?
KI-Tools nutze ich gerne zum Perspektivwechsel. Ich habe zum Beispiel einen Text geschrieben für Mütter, die keinen Kindergartenplatz finden. Das ist nicht meine Erlebniswelt, ich habe keine Kinder. Ich habe den Text geschrieben, fand ihn schon ziemlich cool, und habe ihn dann in die KI gespeist und gesagt: „Bitte bewerte diesen Text aus der Perspektive von Müttern, die keinen Kindergartenplatz finden.“ Und ich habe superviel Input bekommen, was ich an meinem Text noch optimieren kann.
In der Konzeptionsphase kann ich die KI fragen: „Das sind meine Ideen, bewerte die aus Sicht von …“ und dann nicht nur eine Rolle mitgeben, sondern auch ein Leitprinzip, am besten schon in Fachsprache. Was mich auch oft weiter bringt, ist der Prompt: „Gib mir die Inhalte als Liste oder als Tabelle“, oder „Gib mir eine Pro-Kontra-Einschätzung als Tabelle.“ Als Einzelselbstständige sitze ich hier allein in meinem Büro und habe niemanden, keine Kollegin, keinen Kollegen, mit dem ich mal über irgendetwas sprechen kann.
Wenn ich das alles erarbeitet habe, kann ich zum Schluss sagen: „Jetzt mach mir einen Markdown-Prompt daraus.“ Markdown ist ein strukturiertes Textformat, das für Maschinen einfacher lesbar ist als normale Schriftsprache. Diesen Markdown-Prompt schaue ich mir dann genau an, verbessere ihn noch ein bisschen, prüf ihn und verwende ihn in einem neuen Chat.
Von wem kommt dann die erste Version des Fließtexts?
Christa: Von der KI. Durch diesen Markdown-Prompt. Dann ist die Aufgabe, in einem iterativen Prozess den Prompt immer weiter zu schärfen. Nicht das Ergebnis direkt zu korrigieren, sondern tatsächlich hoch in den Ursprungsprompt zu gehen und zu analysieren, wo das Problem ist und es dann gezielt im Prompt beseitigen.
Wenn du also einen längeren Text mit KI-Hilfe erstellen willst, empfehle ich: Lass dir von der KI zuerst nur die Struktur mit Headlines geben und lass sie dann die möglichen Inhalte in Stichworten unter die einzelnen Headlines einfügen. Das mache ich, weil ich dann schon eingreifen kann, bevor Ressourcen für einen nicht stimmigen Fließtext verschwendet werden.
Und ganz zum Schluss nehme ich den fertigen Text, mache wieder einen ganz neuen Chat auf und frage zum Beispiel: „Bewerte mir den Text kritisch aus der Sicht der Zielgruppe XY.“
Du bist Texterin, das Schreiben liegt dir so sehr am Herzen, dass du sogar eine Schreibmaschine als Tattoo hast. Fehlt es dir nicht, dich hinzusetzen und Dinge auszuformulieren, es einfach auch mal fließen zu lassen?
Christa: Das mache ich auch noch. Ich arbeite ja nicht nur mit KI. Es gibt Sachen, die würde ich der KI nicht anvertrauen. Wenn ich ganz klare authentische Kommunikation mache, dann bin ich händisch schneller.
Die beschriebenen KI-Prozesse nutze ich für wiederkehrende Sachen, wie Newsletter, oder für Website-Texte für erklärungsbedürftige Produkte, wo es nicht so sehr auf Emotionen ankommt.
Und dann bist du schneller?
Christa: Nur bei wirklich großen Projekten. Manche Kundinnen und Kunden denken, wenn wir Profis mit KI texten, müsste es nur noch die Hälfte kosten. Solche Anfragen lehne ich ab. Es ist schlicht eine andere Art zu arbeiten. Eine, von der ich persönlich sage, sie bringt mich in manchen Fällen weiter, weil sie meine Texte weiterbringt. Aber auch nur, weil ich die Ergebnisse und alle Zwischenschritte fachlich beurteilen kann. Und weil ich mir all das Wissen draufgeschafft habe, dass wir Menschen für eine professionelle Zusammenarbeit mit den Algorithmen brauchen.
Die Kommunikation mit der KI fasziniert mich und zugleich finde ich sie brandgefährlich. Deswegen will ich so gut darüber Bescheid wissen. Wissen ist Macht, Verweigerung wird uns nicht weiterhelfen.
Gibt es noch mehr Kriterien? Wie entscheidest du: Das ist jetzt mein heiliger Schreibprozess, wo ich allein an der Tastatur sitze … und hier möchte ich die Nerd-Seite mit der KI ausleben.
Christa: Manchmal mache ich beides. Das heißt, ich schreibe selbst und gucke mir dann noch mal an, wie ich das mit KI gemacht hätte. Und da kommt meistens ein komplett anderes Ergebnis bei raus. Das ist ja so im Kreativprozess: Wenn ich alleine kreativ bin, ist es anderes, als wenn ich ein Tool nutze, das zwar nicht kreativ ist, aber ganz interessante Vorschläge macht. Es ist ein Lernprozess, in dem ich viele, viele Stunden unentgeltlich ausprobiere. Jetzt gerade experimentiere ich mit Claude Skills für die Verwendung einer konsistenten Brand-Voice.
Kann man irgendwelche KIs mit ethisch gutem Gewissen empfehlen? Und wenn ja, warum gerade diese? Wie findest du da eine Balance?
Christa: Schwierige Frage. Als Texterin ist für mich das Entscheidungskriterium erst einmal die Textqualität. ChatGPT formuliert direkt, Claude ist etwas akademischer. Es kommt also auch immer darauf an, wo ich hinwill. Manchmal arbeite ich mit beiden. Ich lasse einen Text bei einem erstellen und dann bei dem anderen bewerten.
Ich finde die Idee von Lumo super, das Model des Schweizer Unternehmens Proton. Diese KI wurde an gemeinfreien Texten trainiert und speichert nichts ab. Aber die Texte sind nicht gut, sie reichen nicht für unseren Profianspruch. Ich schau mir regelmäßig alternative Lösungen an, z. B. auch Mistral/LeChat. Aber bisher muss ich in den sauren BigTech-Apfel beißen und hoffen, dass es bald moralisch saubere Lösungen gibt.
Ich habe mir auch einen zweiten Rechner gekauft, der auf Linux läuft. Darauf hoste ich KI-Lösungen selbst und füttere sie selbst, etwa mit meiner eigenen Brand Voice. Das lohnt sich – und meine Inhalte bleiben bei mir. Das wäre auch eine Produktidee, die ich für andere anbieten könnte: geschützte eigene KI-Umgebungen für Texte in ihrer Brandvoice. Aber technisch stoße ich da momentan auch noch an meine Grenzen. Ich bin ja keine ITlerin.
„KI hat auch meine persönlich eingebauten Scheuklappen weggesprengt!“
Ist das der Weg, wie Texter:innen überleben können? Auch zum Nerd zu werden?
Christa: Nun ja, ich bin ja weg von „Text. Konzept. Websites.“. Ich bin jetzt die KI-Realista, gebe Workshops, entwickle Markenstimmen, und schreibe natürlich auch noch Texte und Konzepte – mit und ohne KI, je nachdem, was die Leute wollen. Und wer hat mir geholfen mit dieser Umpositionierung? Am Anfang habe ich meine Geschäftsidee immer wieder mit KI durchdekliniert. Ich habe gesagt: „Das ist meine Idee, bewerte das mal aus professioneller Sicht.“ Als Rolle habe ich zum Beispiel eine Unternehmensberatung mitgegeben. Und da kam für mich superviel Input raus, in welche Richtung ich denken muss. Dann habe ich mit KI die Zielgruppe genauer bestimmt. Mich buchen meistens Frauen, die ein störendes Bauchgefühl in Sachen KI haben und trotzdem neugierig sind.
Also lautet deine Antwort an die Texterin: Sei offen und geh mit der KI ran, um zu gucken, wie deine Zukunft aussehen kann?
Christa: Ich beobachte, dass viele Kolleg:innen noch immer sagen: „Was soll der Quatsch? Ich kann das eh alles besser.“ Und das stimmt. Wenn man nur eingibt „Schreib etwas über Datenschutz“, kommt mit Sicherheit nicht das raus, was du haben willst. Wenn du aber verstehst, wie Mensch-Maschine-Kommunikation funktioniert und der Maschine den richtigen Kontext gibst, ist die Zusammenarbeit faszinierend. Gerade für mich als Einzelselbstständige hat das meine persönlich eingebauten Scheuklappen weggesprengt.
Wie gehören KI und Markenstimme zusammen?
Christa: Wenn wir der Maschine keine Stil-Vorgaben geben, textet sie im typischen KI-Slang – das wollen wir nicht. Die KI soll vielmehr lernen, in der eigenen Markenstimme zu sprechen. Du und ich, wir haben ja zum Beispiel ganz viele Texte online stehen. Dann ist es einfach: Man lässt sich von KI die Texte nach bestimmten Mustern auswerten. Daraus wird ein Systemprompt, der deine Sprachmuster aufgreift. Denn im Muster erkennen ist die Maschine super und in unserer natürlichen Sprache sind klare Muster drin, die sich immer wieder wiederholen. Bei mir ist das zum Beispiel die Comicsprache. Ich schreibe „Peng“, „Zack“, „Wow“. Das wäre ein sprachliches Muster meiner eigenen Markenstimme. Im Systemprompt steht also: „Nutze Comicsprache“ – mitsamt Beispielen.
Und was ist mit denen, die noch keine Texte in ihrer Sprache haben? Oder vielleicht sogar noch gar nicht wissen, wie sie klingen wollen?
Christa: Ihnen hilft der Blick von außen. Ich wusste zum Beispiel lange nicht, dass ich Werte wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit in meine Kommunikation mit einfließen lassen sollte. Erst als sie immer wieder gelobt wurden, wurde mir klar: Offenbar ist das nicht selbstverständlich, sondern erwähnenswert. Werte sind auch sehr wichtig bei der Erstellung von Markenstimmen, denn mit Werten sind immer bestimmte Worte verbunden.
„Ich beobachte eine massive Niveau-Regulierung der Textqualität nach unten. Wir passen uns dem KI-Slang an.“
In deinen Markenstimmen-Workshops gibst du diese Unterstützung mit verschiedenen Methoden. Dein Blick von außen ist also ein menschlicher. Mal ketzerisch gefragt: Könnte die KI diesen Workshop auch anbieten?
Christa: KI kann auch hier eine Stütze sein. Ich nutze diese Tools ja auch als Erweiterung meines eigenen Hirns – nicht als Ersatz, sondern als Erweiterung. Besonders wenn schon Texte vorhanden sind, die von der KI auszuwerten sind – sie liest und identifiziert die Muster schneller als ich. Allerdings liegt es an mir, das nachzukontrollieren. Ich muss die zehn Texte trotzdem lesen, um zu wissen: Stimmt das überhaupt? Trotzdem spare ich bei der Analyse Zeit.
Ich nehme mit: Texter:innen sollten sich bewusst sein, dass auch sie besser werden können mit KI. Wer so denkt, kann auch Chancen sehen, nicht nur die Gefahr. Und außerdem: Für das Prompten und Beurteilen der Ergebnisse braucht es weiterhin Textprofis. Und das werden die Unternehmen hoffentlich erkennen.
Christa: In meinen guten Momenten denke ich das auch. Aber ich beobachte auch eine massive Niveau-Regulierung nach unten in Sachen Textqualität. Wir Menschen haben ein adaptives Kommunikationsverhalten. Das heißt, wir passen uns automatisch an KI an. Das ist ganz ähnlich, wie wenn wir in eine Region fahren, wo ein Dialekt gesprochen wird und automatisch den Singsang der Sprache nachahmen. Wir versuchen, uns in die Gruppe einzufügen, indem wir unsere Sprache regulieren. Das ist zutiefst menschlich, das können wir gar nicht ändern. Und genau dasselbe passiert mit diesem KI-Slang. Wir passen uns an. Und da können wir nichts dagegen tun. Das ist total verrückt.
Ich halte die Hoffnung dagegen: Gerade wenn sich alle anpassen und wie die KI klingen, kann man doch wunderbar auffallen, wenn man überraschend anders ist – die Menschen merken plötzlich „Oh, das berührt mich!“ Das fällt auf in der immer wachsenden Menge von Text.
Christa: Ja. Unsere Aufmerksamkeitsspanne hat sich leider nicht verdoppelt, die Textvolumen schon.
Also braucht es das überraschend andere?
Christa: Es braucht authentische Kommunikation. Es braucht Ecken und Kanten. Wir brauchen keine glatt geschliffenen Texte. Das predige ich schon lange: Schreibt nicht glatt, schreibt borstig. Schreibt so, dass bei den Leuten irgendein Halbsatz hängen bleibt. Ich zum Beispiel liebe gerade Analogien, bei denen man innerlich lachen muss. Zum Beispiel die Flipchart, die seit Jahren niemand nutzt, die aber auch nicht weggeworfen wird. Weil das schon immer so war. Solche Geschichten sind zutiefst menschlich. Außerdem gehört unbequem zu sein zu meiner Kernkompetenz. Ich gehe gerne Leuten auf die Nerven, mit dem, was ich sage und wie ich es sage. Der Vortrag, den ich energisch und leidenschaftlich halte, den finden manche schrecklich, andere finden ihn gut. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal. Genau so müssen wir uns das für unsere Kund:innen überlegen. Eine feine Designerin muss ganz anders klingen. Da müssen wir viel mehr zuhören. Für mich sind auch immer Workshops mit meinen Kundinnen und Kunden ganz wichtig, in denen ich mir einzelne Formulierungen aufschreibe, etwa wenn ich merke: Die sind gerade ganz bei sich und sagen Dinge, die außergewöhnlich sind. Und die hole ich dann in die Texte.
Das ist auch etwas, das ich meinen Kunden beibringe: Nicht nur einmal ganz am Anfang über Kundensprache nachdenken, sondern die Erforschung der Kundensprache als fortlaufendes Projekt sehen und immer die Ohren offenhalten. Wenn dich etwas berührt hat, wenn es dich überrascht hat, was diese Person gerade gesagt hat, dann ist es wichtig.
Christa: Unbedingt. Und das Tolle ist: Wenn man dann textet, merkt man, wie sich das alles zusammenfügt. Ich habe öfter Zettel, da steht alles mögliche Zeugs drauf, und ich denke: Ach du liebes bisschen, wie soll daraus eine Über-mich-Seite werden? Ich kann sowas nie sofort schreiben. Ich lasse es liegen, und dann setzt das irgendwie in meinem Kopf an und gärt so vor sich hin. Und plötzlich fällt aus meinem Hirn dieser Text raus. Dann ist da plötzlich der rote Faden da, von dem ich erst dachte, es gibt ihn nicht.
„Unser Job wird redaktioneller und technischer.“
Du hast gerade die magischen Momente beschrieben, von denen ich denke: Es würde mir so wehtun, wenn Menschen die nicht mehr erleben, weil sie den Schreibprozess ganz an die KI abgeben.
Christa: Ja, aber auch den Magie-Moment kannst du aus der KI rauskitzeln. Oder du kannst ihn deiner Kundin mitgeben, wenn du ihn mit der KI gefunden hast. Das mache ich auch öfter. Wie gesagt: Unser Job wird redaktioneller und technischer. Ich kann Leute verstehen, die sagen: „Um Himmels willen, ich will damit nichts zu tun haben.“ Allerdings wird dann leider der Markt sehr, sehr klein sein.
Du hast vorhin vorausgesagt: Es bleibt ein kleiner Markt im Luxussegment für handgeschriebene Texte. Könnte es einen zweiten Markt geben, für diejenigen bei denen die menschliche Ansprache ohne KI-Teil des Markenkerns ist?
Christa: Bestimmt – aber es ist eine Preisfrage. So wie jetzt gerade mit den Preisen argumentiert und gefeilscht wird, kann es auf jeden Fall nicht bleiben. Im Grunde genommen müssten KI-gestützte Texte von Profis sogar teurer sein als handgeklöppelte. Wer bezahlt mir denn die Zeit der letzten drei Jahre, in der ich mir das Wissen rund um KI draufgeschafft habe?
Es gibt aber noch einen zweiten Grund, warum die Preise für mit Hilfe von KI geschriebene Texte steigen müssen: Die Tools werden nicht so günstig bleiben. ChatGPT kostet heute knapp 20 Euro im Monat. Ich denke, das wird relativ zeitnah auf 200 oder sogar 400 Euro steigen. Oder es gibt eine begrenzte Anzahl von Tokens wie bei Claude, die immer schneller aufgebraucht sind.
Dazu kommt der Wildwuchs auf dem Markt: So viele verkaufen plötzlich Texte, obwohl sie keine Ahnung haben, was gute Texte ausmacht. Wir merken dann das irgendwas schief ist … und können nicht ganz den Finger darauf halten. Für mich heißt all das, dass sich meine Rolle verändert. Ich könnte zum Beispiel auch Mitarbeiter*innen in Unternehmen schulen. Und ich kann die Lösung anbieten: Wir entwickeln eine Brand Voice und füttern eine KI, sodass ihr Texte produzieren könnt, die schon relativ nah an dieser Markenstimme sind. Dann braucht ihr aber immer noch jemanden, der das redigiert. Doch diese Person ist dann wirklich schneller.

Vielen Dank, liebe Christa! Ich würde am Schluss gerne noch mal auf das MI-Siegel zurückkommen. Was hat man davon, so ein Siegel zu tragen oder Menschen zu engagieren, die es tragen?
Christa: Das MI-Siegel ist ein Qualitätssiegel, das mit einem Kodex verknüpft ist, der branchenspezifisch ist. Wir haben aktuell 13 verschiedene Branchen vom Design, Text, Übersetzungen bis hin zu SEO und IT-Entwicklung. Wir können jederzeit neue Branchen dazunehmen.
Am MI-Siegel hängt ein Qualitätsversprechen. Es besagt: Das letzte Wort liegt bei uns Menschen. Wir als Verein schauen genau hin, wenn wir das Siegel vergeben, ob die Qualität der Arbeit des Siegeltragenden diesem Versprechen gerecht wird. Unternehmen, die Dienstleister mit MI-Siegel buchen, tun nicht nur etwas für die Qualität, sondern zeigen damit auch Engagement für soziale Nachhaltigkeit.
Die Siegeltragenden verweisen dann überall – Webseite, E-Mail-Signatur und Co. – mit dem Siegel auf den Kodex, dem sie sich verpflichtet haben. Wir haben eine tolle Community der Siegeltragenden, in der wir uns gegenseitig unterstützen. Wir bauen gerade eine interne Jobbörse auf. So können Unternehmen Leute finden, die das MI-Siegel tragen. Dann gibt es eine Schulung „KI und Content-Qualität“, die kostenfrei mit dabei ist. Und wir sitzen gerade an einem Workshop-Konzept, das heißt, wir werden eine MI-Akademie gründen, wo alle Siegel-Tragenden Workshops anbieten können – zu vernünftigen Preisen für alle. Das alles schultern viele Ehrenamtliche. Wir sind aktuell über 30 Personen, die sich im Verein engagieren.
Vielleicht noch von meiner Seite als Mitglied: Was mir wirklich sehr gut gefällt: Ich habe das Gefühl, ich bin ganz nah dran an allen Überlegungen aus meiner Branche rund um das Thema KI, die für mich wichtig sind.
Christa: Das stimmt – man ist automatisch immer auf dem neuesten Stand, wenn man Mitglied in diesem Forum ist. Dadurch, dass dieser Fokus des Siegels nicht auf KI liegt, sind wir inhaltlich sehr divers. Es gibt Menschen, die nicht mit KI arbeiten und es auch nicht tun werden, die aber trotzdem das MI-Siegel tragen und die Entwicklung verfolgen. Und dann gibt es Menschen wie mich, die sich damit beschäftigen und ihr Wissen gerne teilen. Und jede Menge Zwischenstufen dazwischen. Und auch die Öffentlichkeit interessiert sich immer stärker für den Verein und unsere Arbeit.
Christa, ganz herzlichen Dank für dieses spannende Interview. Was möchtest du uns jetzt noch mitgeben?
Christa: Mein Motto: Erst denken, dann prompten. Das ist ganz, ganz wichtig. Und lasst euch nicht unterkriegen. Das sind wirklich beschissene Zeiten, die wir gerade durchmachen. Es betrifft nicht nur unseren Job, wir sind nur die erste Welle. Es wird jeden Job betreffen. Jeden. Es gibt keinen, der ausgeschlossen ist von diesen Veränderungen. Also bleibt neugierig, bildet euch fort, es wird uns alle durchwirbeln.

Meine Interview-Gästin:
Christa Goebe ist KI-Realista. Sie hilft dir, herauszufinden, wann KI ein verdammt gutes Text-Werkzeug ist. Und wann sie nur für neue Baustellen sorgt.
Du willst mehr über sie wissen und wie du mit ihr zusammenarbeiten kannst?
Dann schau hier auf ihre Website.
Und wenn du mit einem Qualitätssiegel zeigen willst, dass der Mensch bei dir das letzte Wort hat, schau dir das MI-Siegel an.
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Zur Autorin:
Bianca Fritz ist Content-Mentorin und und Copywriting-Expertin mit mehr als 20 Jahren Berufserfahrung im Journalismus und Werbeagenturen. Sie unterstützt Selbständige, Unternehmer*innen, sowie NGOs und Stiftungen dabei, mit wertebasiertem Contentmarketing wirksam sichtbar zu werden.
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